Der olympische Diskuswurf verlangt eine symbiotische Verschmelzung aus maximaler Körperkraft, physikalischer Präzision und zentrifugaler Beschleunigung. Christoph Harting verkörpert dieses komplexe Anforderungsprofil durch seine außergewöhnlichen anthropometrischen Voraussetzungen und eine hochgradig spezialisierte Wurftechnik. Mit dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro trat der Werfer aus dem Schatten der familiären Konkurrenz und manifestierte seinen eigenen Platz in den Annalen der internationalen Leichtathletik.
Die flugmechanischen Tücken der zwei Kilogramm schweren Wurfscheibe erfordern eine jahrelange Automatisierung des Bewegungsablaufes im Betonring. Ein einzelner technischer Fehler in der Rotationsphase führt unweigerlich zum Verlust der Wurfweite oder zum ungültigen Versuch durch das Übertreten der Sektorbegrenzung. Diese schmale Gratwanderung zwischen kontrollierter Aggressivität und feinmotorischer Stabilität prägte die sportliche Laufbahn des gebürtigen Cottbusers. Ständige Anpassungsprozesse an Wettkampfnormen und Verbandsstrukturen dominierten den tagtäglichen Trainingsbetrieb im Leistungssportzentrum.
Jenseits der physischen Höchstleistungen im Wurfring offenbarte der Werdegang tiefgreifende Brüche und persönliche Zäsuren. Der Umgang mit medialem Erwartungsdruck, verbandsinternen Konflikten und zivilberuflichen Herausforderungen zeichnet das Bild eines Athleten abseits klassischer Heldennarrative. Die spitzensportliche Förderung durch staatliche Institutionen bildete dabei das finanzielle und strukturelle Fundament für die jahrelange Präsenz auf dem internationalen Wettkampf-Parkett.
Wie formte das familiäre Leichtathletik-Umfeld der DDR den sportlichen Werdegang?
Die genetische und strukturelle Prägung für die Wurfdisziplinen der Leichtathletik wurzelt tief in der Familiengeschichte. Christoph Harting wurde als jüngster Sohn von Gerd und Bettina Harting in Cottbus geboren. Beide Elternteile durchliefen die Kaderschmieden des DDR-Sportsystems und waren selbst Leistungssportler. Der Vater verdiente seinen Lebensunterhalt als Offsetdrucker und trat als Diskuswerfer in Erscheinung. Die Mutter, von Beruf Krankenschwester, war als Kugelstoßerin aktiv.
Dieses familiäre Biotop legte den Grundstein für die physische Entwicklung und das methodische Verständnis der Wurfdisziplinen. Das Aufwachsen in einem Haushalt, in dem leistungssportliche Parameter wie Trainingsperiodisierung, Kraftaufbau und Wettkampfhärte allgegenwärtig waren, definierte den Lebensrhythmus. Die Adaption an schwere Gewichte und komplexe Bewegungsabläufe erfolgte somit bereits in einer frühen Phase der motorischen Entwicklung.
Ein besonderes sportliches Spannungsfeld entstand durch die Existenz des älteren Bruders Robert Harting. Dieser dominierte die Disziplin über Jahre hinweg als mehrfacher Weltmeister und sicherte sich bei den Olympischen Sommerspielen 2012 die Goldmedaille. Der ständige Vergleich mit dem erfolgreichen Familienmitglied erzeugte ein enormes psychologisches Druckverhältnis. Gleichzeitig diente der ältere Bruder als greifbarer Beweis für die Wirksamkeit der angewandten Trainingsmethodik.
Die sportliche Historie verzeichnet ein Novum durch diese familiäre Konstellation. Christoph und Robert Harting bilden das erste Geschwisterpaar der olympischen Geschichte, das bei aufeinanderfolgenden Sommerspielen in exakt derselben Einzeldisziplin die Goldmedaille erringen konnte. Diese chronologische Abfolge von olympischen Triumphen unterstreicht die außergewöhnliche Kombination aus genetischer Disposition und leistungssportlicher Sozialisation innerhalb des familiären Umfelds.
Welche physikalischen Hebelgesetze begünstigten den Bewegungsablauf bei einer Körpergröße von 2,07 Metern?
Die Biomechanik des Diskuswurfs basiert auf der Erzeugung einer maximalen Abwurfgeschwindigkeit. Christoph Harting profitierte hierbei massiv von seiner außergewöhnlichen Körpergröße von 2,07 Metern. Diese vertikale Ausdehnung bedingt eine enorme Armspannweite, welche physikalisch als langer Hebelarm fungiert. Je länger der Hebel, desto höher fällt die tangentiale Geschwindigkeit des Diskus bei konstanter Rotationsgeschwindigkeit des Körpers aus.
In der biomechanischen Umsetzung bedeutete dies einen signifikanten physikalischen Vorteil. Ein langer Hebelweg ermöglicht dem Wurfgerät eine ausgedehntere Beschleunigungsphase. Gepaart mit einem Wettkampfgewicht von 120 Kilogramm entstand ein gewaltiges Drehmoment im 2,50 Meter messenden Wurfring. Die Trägheit der Masse musste durch explosive Schnellkraft aus den Beinen überwunden werden, um die Rotationsachse des Körpers in Millisekunden zu beschleunigen.
Der Wurfstil basierte auf der klassischen Drehtechnik. Diese erfordert eine extrem hohe Rotationsgeschwindigkeit bei gleichzeitig starrer Körperachse. Die kinetische Energie wird aus der unteren Extremität über die Rumpfmuskulatur in den Wurfarm transferiert. Die Erhaltung einer stabilen Körperhaltung unter Einwirkung massiver Fliehkräfte stellte die primäre koordinative Herausforderung dar. Abweichungen im Abwurfwinkel führen bei dieser Technik unweigerlich zu aerodynamischen Defiziten im Flugverhalten der Scheibe.
Die Explosivkraft im Moment des Abwurfs katapultierte das Wurfgerät in den vorgeschriebenen Sektor. Der linke Fuß blockiert dabei die Vorwärtsbewegung des Körpers abrupt. Diese Blockade transformiert die horizontale Translationsenergie in eine peitschenartige Rotationsenergie des Wurfarmes. Die physischen Parameter des Athleten erforderten eine exakte Abstimmung dieser Blockadephase, um die enorme Hebelwirkung verlustfrei auf das zwei Kilogramm schwere Gerät zu übertragen.
Das Anforderungsprofil erstreckt sich über mehrere hochkomplexe Bewegungsabschnitte. Jeder Bruchteil einer Sekunde im Ring unterliegt strengen physikalischen Gesetzmäßigkeiten.
Phasenmodell der Drehtechnik im Diskuswurf
| Bewegungsphase | Biomechanische Funktion | Spezifische Anforderung |
|---|---|---|
| Anschwung | Überwindung der Trägheit, Rhythmusfindung | Weite Ausholbewegung, Aufbau von Körperspannung |
| Umsprung (Eingang) | Aufbau der Rotationsgeschwindigkeit | Dynamischer Abdruck, flache Flugphase über den Ring |
| Druckphase (Stütz) | Vorspannung der Rumpfmuskulatur (Verwringung) | Füße eilen dem Oberkörper voraus, Zug auf der Brustmuskulatur |
| Abwurf (Blockade) | Transfer der kinetischen Energie auf das Gerät | Fixierung der linken Körperseite, peitschenartiger Armzug |
| Abfangen | Verhinderung des Übertretens (Regelwerk) | Umspringen zur Absorption der Restenergie im Ring |
Über welche nationalen Stationen verlief der Eintritt in den internationalen Wurfring?
Die Etablierung in der deutschen Spitze vollzog sich durch kontinuierliche Leistungssteigerungen im Nachwuchsbereich. Zwischen 2010 und 2012 demonstrierte Christoph Harting eine bemerkenswerte nationale Dominanz in seiner Altersklasse. Er sicherte sich dreimal in Folge den Titel bei den Deutschen Meisterschaften der U23-Junioren. Diese Konstanz im nationalen Nachwuchsbereich bildete das Fundament für die ersten internationalen Einsätze im Trikot des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.
Der erste nennenswerte internationale Auftritt erfolgte bei den U23-Europameisterschaften 2011 in Ostrava. In diesem kontinentalen Vergleich erreichte der Werfer den fünften Platz. Die Anpassung an das internationale Wettkampfformat, gekennzeichnet durch Callroom-Prozedere, Qualifikationsrunden und fremdes Publikum, erforderte eine mentale Neuausrichtung. Auf nationaler Ebene startete er zunächst für den SC Charlottenburg, das traditionelle Zentrum des Berliner Wurf- und Stoßsports.
Der Übergang in den Erwachsenenbereich ging mit Rückschlägen und Lernprozessen einher. Bei den Deutschen Meisterschaften 2013 reichte es für den dritten Platz. Im selben Jahr sammelte er erste Erfahrungen bei den Weltmeisterschaften, ohne dort in den Kampf um die Medaillen einzugreifen. Der nationale Durchbruch gelang schließlich im Jahr 2015. Mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft deklarierte er seinen Führungsanspruch innerhalb der nationalen Diskuswurf-Hierarchie.
Dieser nationale Titelgewinn sicherte die direkte Qualifikation für die Weltmeisterschaften 2015 in Peking. Im sogenannten Vogelnest-Stadion überstand er die Qualifikationsrunde und zog in das Finale der besten zwölf Athleten ein. Der Wettkampf endete auf dem achten Platz. Diese Platzierung unter den Top Acht der Welt markierte die endgültige Ankunft in der internationalen Weltklasse und wies den Weg für den olympischen Zyklus des Folgejahres.
Vor den Olympischen Spielen 2016 untermauerte er seine Form bei den Europameisterschaften. In einem hochkarätig besetzten Teilnehmerfeld verpasste er die Medaillenränge knapp und belegte den vierten Platz. Auf nationaler Ebene musste er sich bei den Deutschen Meisterschaften 2016 mit dem zweiten Rang zufriedengeben. Diese gemischten Resultate der Vorbereitungswettkämpfe ließen die spätere Leistungsexplosion beim Saisonhöhepunkt nur bedingt erahnen.
Durch welche wettkampftaktischen Verschiebungen entstand der olympische Goldwurf von Rio de Janeiro?
Das Finale der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro entwickelte sich zu einem der dramatischsten Wettkämpfe in der Historie des Diskuswurfs. Das Regelwerk sah sechs Durchgänge vor. Nach den ersten drei Runden qualifizierten sich lediglich die besten acht Athleten für die finalen drei Versuche. Der Wettkampfverlauf war geprägt von ständigen Positionswechseln und enormer psychologischer Belastung für das gesamte Teilnehmerfeld.
Über weite Strecken des Finales diktierte Piotr Małachowski das Geschehen. Der polnische Werfer führte das Klassement souverän über fünf Durchgänge an. Christoph Harting positionierte sich lange Zeit auf dem zweiten Rang. Die flugmechanischen Bedingungen im Olympiastadion erforderten eine präzise Anpassung des Abwurfwinkels, um den Diskus im optimalen aerodynamischen Fenster durch den Wind gleiten zu lassen. Das Spannungsniveau stieg mit jedem absolvierten Versuch.
Die tektonischen Verschiebungen des Klassements ereigneten sich im sechsten und letzten Durchgang. Die direkte Konkurrenz erhöhte den Druck massiv. Zunächst verbesserte sich Martin Kupper, der spätere Viertplatzierte, mit einem weiten Wurf. Kurz darauf konterte der deutsche Teamkollege Daniel Jasinski und warf sich auf den Bronzerang. Durch diese plötzlichen Leistungssteigerungen der Konkurrenten wurde Harting innerhalb weniger Minuten vom zweiten auf den vierten Platz verdrängt und lag somit außerhalb der Medaillenränge.
In dieser Extremsituation musste der gesamte Bewegungsablauf unter maximaler Stressbelastung reproduziert werden. Mit dem absolut letzten Wurf des gesamten Wettbewerbs schleuderte Harting das Gerät auf eine neue persönliche Bestleistung von 68,37 Metern. Die technische Ausführung in diesem Finalversuch zeugte von einer perfekten Verkettung der biomechanischen Phasen. Das Gerät landete weit jenseits der Markierungen der Konkurrenz.
Dieser letzte Versuch katapultierte ihn von Platz vier an die Spitze des Feldes. Piotr Małachowski konnte im direkten Gegenzug nicht mehr kontern. Vier Jahre nach dem Triumph seines Bruders in London stand der jüngere Harting als Olympiasieger fest. Die Nervenstärke, im Angesicht des drohenden Medaillenverlustes die beste Weite der eigenen Karriere abzurufen, definierte diesen sportlichen Höhepunkt.
Warum kollidierte das Verhalten bei der olympischen Siegerehrung mit den Protokollen des Verbandes?
Die Reaktionen unmittelbar nach dem Gewinn der Goldmedaille entsprachen nicht den medialen und verbandsinternen Erwartungshaltungen. Noch im Innenraum des Stadions verweigerte der frisch gekürte Olympiasieger jegliche Kommunikation. Er lehnte alle Interviewanfragen der wartenden Journalisten strikt ab. Dieses Schweigen in der Mixed Zone brach mit den ungeschriebenen Gesetzen der Sportberichterstattung, die nach solchen Triumphen eine verbale Einordnung des Athleten fordern.
Die Situation eskalierte protokollarisch während der offiziellen Siegerehrung. Das zeremonielle Abspielen der Nationalhymne unterliegt strengen Verhaltenskodizes. Christoph Harting stand auf dem obersten Podest, verschränkte die Arme vor der Brust, pfiff teilweise und schunkelte im Takt der Musik mit. Diese nonverbale Darbietung wurde von Millionen Fernsehzuschauern registriert und löste eine sofortige Welle der Empörung aus.
Die Funktionäre des Deutschen Leichtathletik-Verbandes reagierten mit scharfer öffentlicher Kritik. DLV-Präsident Clemens Prokop rügte das Verhalten unmissverständlich. Auch Michael Vesper, der damalige Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaft, positionierte sich deutlich gegen die Auftrittsweise des Athleten. Die repräsentative Pflicht eines Medaillengewinners galt durch diese Inszenierung als massiv verletzt.
Im Nachgang des Vorfalls bemühte sich der Athlet um Schadensbegrenzung. Er bat öffentlich um Entschuldigung für sein Auftreten. Zur Begründung führte er an, den monumentalen Erfolg im Moment der Medaillenübergabe kognitiv noch nicht verarbeitet zu haben. Die emotionale Überforderung nach dem Wettkampfdrama gipfelte in einer Form der Übersprungshandlung. Trotz der anfänglichen Dissonanzen wurde er am 1. November 2016 von Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Silbernen Lorbeerblatt geehrt.
Die mediale Aufarbeitung des Vorfalls verlief ambivalent. Während ein Großteil der Presse das Verhalten scharf verurteilte, gab es vereinzelt selbstkritische Stimmen innerhalb der Medienlandschaft. Diese Analysen beleuchteten die Überinszenierung des Vorfalls. Demnach sei die massive öffentliche Verurteilung teilweise eine Retourkutsche für die anfängliche Interviewverweigerung der schreibenden und sendenden Zunft gegenüber gewesen.
Wie manifestierte sich die sportliche Stagnation in den Qualifikationsnormen der Folgejahre?
Der olympische Glanz von Rio de Janeiro ließ sich in den nachfolgenden Wettkampfzyklen nicht nahtlos konservieren. Die Bestätigung der Leistungsfähigkeit auf absolutem Weltniveau erwies sich als komplex. Im Jahr 2017 machten sich erste Risse in der sportlichen Dominanz bemerkbar. Bei den Deutschen Meisterschaften erreichte das Wurfgerät eine Distanz von 62,51 Metern. Diese Weite reichte lediglich für den vierten Platz im nationalen Klassement.
Die verpasste nationale Medaille zog weitreichende Konsequenzen für die internationale Kaderplanung nach sich. Durch die unzureichende Weite verfehlte er die strikten Qualifikationsnormen des Leichtathletik-Verbandes für die Weltmeisterschaften 2017. Der amtierende Olympiasieger fehlte somit beim globalen Saisonhöhepunkt. Die Regularien des Nominierungssystems ließen keinen Spielraum für einen Startplatz auf Basis vergangener Verdienste.
Das Jahr 2018 begann mit leichten Aufwärtstendenzen. Beim Winterwurf-Europacup, einem Frühjahrs-Wettkampf zur Überprüfung der Trainingsform, sicherte er sich den vierten Platz. Im Sommer desselben Jahres gelang ihm die Rückkehr an die nationale Spitze. Er gewann den Titel bei den Deutschen Meisterschaften 2018. Dieser nationale Erfolg suggerierte eine Formsteigerung pünktlich zu den Europameisterschaften, die im heimischen Berliner Olympiastadion stattfanden.
Das kontinentale Championat in Berlin endete jedoch in einem sportlichen Desaster. In der Qualifikationsrunde der Europameisterschaften 2018 fand der Athlet nicht in seinen Rhythmus. Die komplexen Phasen der Drehtechnik griffen nicht ineinander, das Timing beim Abwurf misslang. Er scheiterte ohne einen einzigen gültigen Versuch und schied vorzeitig aus dem Wettbewerb aus. Das Heimpublikum erlebte das bittere Ausscheiden in der Vorausscheidung.
In dieser Phase der Karriere erfolgte eine verbandsstrukturelle Neuorientierung. Der Werfer verließ seinen langjährigen Verein SC Charlottenburg. Er schloss sich dem SC Tegeler Forst an und trat fortan für die LG Nord Berlin in den Ring. Dieser Vereinswechsel markierte den Versuch, neue Reize im Trainingsumfeld zu setzen und die technische Stagnation der Nach-Olympia-Jahre zu durchbrechen.
Welche strukturellen Rahmenbedingungen lieferte die Bundespolizeisportschule Kienbaum für das Leistungstraining?
Die finanzielle und infrastrukturelle Absicherung einer Karriere in den Wurfdisziplinen erfordert staatliche Förderstrukturen. Die Preisgelder und Sponsoreneinnahmen im Diskuswurf decken selten die Kosten für das professionelle Athletenleben. Christoph Harting fand diese Absicherung bei der Bundespolizei. Er trägt den Amtstitel eines Polizeioberkommissars und ist in die behördlichen Strukturen des Bundes integriert.
Seit dem Jahr 2011 ist er Angehöriger der Bundespolizeisportschule Kienbaum. Diese Einrichtung fungiert als Spitzensportfördereinrichtung der Bundespolizei für Sommer- und Ganzjahressportarten. Das System der dualen Karriere ermöglicht es den Kadermitgliedern, den polizeilichen Dienst mit dem extremen Trainingsaufwand des Hochleistungssports zu kombinieren. Die Freistellungen für Trainingslager und Wettkampfreisen werden durch die Dienststelle koordiniert.
Das Bundesleistungszentrum Kienbaum bietet isolierte Trainingsbedingungen fernab des urbanen Trubels. Die Anlagen für die Wurfdisziplinen sind auf höchste internationale Standards ausgerichtet. In den Krafträumen der Anlage werden die fundamentalen physischen Grundlagen gelegt. Kniebeugen, Reißen und Stoßen mit massiven Gewichten gehören zur täglichen Routine, um die notwendige Maximalkraft für die Beschleunigung der Wurfscheibe aufzubauen.
Die Einbindung in diese behördliche Förderstruktur erfordert jedoch auch die Erfüllung gewisser Dienstpflichten und eine stetige Leistungsbestätigung im sportlichen Bereich. Bei ausbleibenden Resultaten oder langwierigen Verletzungen greifen die Mechanismen der Kaderüberprüfung. Die Verknüpfung von staatlicher Alimentation und sportlichem Output formt den Rahmenbedingungen für die Medaillenjagd.
Die Laufbahn in der Uniform erlebte zuletzt einen gravierenden Einschnitt. Nach Jahren der dualen Belastung aus Dienst und Trainingseinheiten wurde der Polizeioberkommissar im Jahr 2024 für dienstunfähig erklärt. Der offizielle Status der Dienstunfähigkeit beendete die aktive Phase in der Spitzensportfördereinrichtung der Bundespolizei.
Inwiefern beeinflussten private Zäsuren den Bruch mit den spitzensportlichen Strukturen?
Die Mechanismen des Profisports kaschieren oft die menschlichen Fragilitäten hinter den physischen Leistungen. Im Jahr 2023 offenbarte Christoph Harting in einem weitreichenden Interview die dramatischen Dimensionen seines Privatlebens. Der ehemals gefeierte Olympiasieger machte tiefe persönliche Krisen publik, die eine direkte Rückkopplung auf seine Leistungsfähigkeit im Wurfring besaßen. Er sprach detailliert über die Diagnose einer klinischen Depression, die seinen Lebensalltag überschattete.
Die private Biografie verzeichnete schwere Verwerfungen. Die Trennung von seiner Ehefrau leitete eine Phase der extremen Instabilität ein. Diese gipfelte in einer zeitweiligen Wohnungslosigkeit in der Hauptstadt Berlin. Die elementare Basis für ein geregeltes Leistungstraining – Regeneration, feste Ernährungsmuster und mentale Ruhe – war vollständig erodiert. Die Wurfringe rückten angesichts existenzieller Sorgen in weite Ferne.
Auch die akademische Laufbahn unterlag diesen Erosionsprozessen. Ein begonnenes Psychologiestudium, das ursprünglich als intellektuelles Gegengewicht und berufliches zweites Standbein konzipiert war, wurde abgebrochen. Die mentalen und physischen Belastungen zwangen den Athleten zu einer radikalen Unterbrechung der sportlichen Karriere. Es folgte eine ein-einhalbjährige Zwangspause, in der das Training mit dem Diskus komplett ruhte.
Das Interview beleuchtete zudem das hochkomplexe soziale Gefüge des Athleten. Er äußerte sich offen über die zerrütteten Verhältnisse innerhalb der Familie. Das Verhältnis zu seinem Bruder Robert, zu seinen Eltern und auch zu seinem Trainer war von schweren Dissonanzen geprägt. Die familiäre Leichtathletik-Dynastie, die nach außen hin über Jahre als Erfolgskonstrukt funktionierte, wies intern massive Risse auf.
Die Bewältigung dieser größtenteils überwundenen Lebenskrisen führte zu einer Neuausrichtung abseits der Tartanbahn. Der Blick richtete sich auf die politische Gestaltung. Für die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin im Jahr 2026 kündigte Harting seine Kandidatur an. Er tritt für die Partei Die Linke im Wahlkreis Lichtenberg 1 an. Dieser Transfer vom sportlichen Wettkampf in die politische Arena dokumentiert den Versuch eines vollständigen biografischen Neustarts.
Welche Weite sicherte Christoph Harting die Goldmedaille in Rio de Janeiro?
Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gewann er die Goldmedaille mit einer persönlichen Bestleistung von 68,37 Metern, die er im sechsten und letzten Durchgang des Finales erzielte.
Welche Besonderheit verbindet ihn und seinen Bruder Robert in der Olympia-Historie?
Die beiden sind das erste Geschwisterpaar, das bei aufeinanderfolgenden Olympischen Sommerspielen in der exakt gleichen Einzeldisziplin gewinnen konnte (Robert siegte 2012, Christoph im Jahr 2016).
Warum stand sein Verhalten bei der olympischen Siegerehrung 2016 in der Kritik?
Während die Nationalhymne abgespielt wurde, verschränkte er die Arme, pfiff teilweise und schunkelte. Zudem verweigerte er im Stadion alle Journalisten-Interviews, wofür er von Offiziellen wie Clemens Prokop und Michael Vesper scharf gerügt wurde.
In welchen Berliner Vereinen war der Diskuswerfer sportlich organisiert?
Er startete lange Zeit für den SC Charlottenburg (SCC Berlin) und trat später dem SC Tegeler Forst bei, wodurch er Mitglied in der LG Nord Berlin wurde.
Welchen zivilen Beruf übte er abseits des Leistungssports aus?
Er ist Bundespolizist im Amt eines Polizeioberkommissars und war seit 2011 Angehöriger der Bundespolizeisportschule Kienbaum, bis er im Jahr 2024 für dienstunfähig erklärt wurde.
Welche körperlichen Voraussetzungen prägten seinen Wurfstil?
Er besitzt eine Körpergröße von 2,07 Metern und wies ein Wettkampfgewicht von 120 Kilogramm auf. Diese Maße ermöglichten ihm einen extrem großen physikalischen Hebelweg bei der Ausführung der Drehtechnik.
Für welche Partei strebt er ein politisches Mandat an?
Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin im Jahr 2026 kandidiert er für die Partei Die Linke in seinem Wahlkreis Lichtenberg 1.